Public viewing stirbt – fußballtradition am ende?
Die Zeiten ändern sich. Wo einst euphorische Fans auf Straßen und Plätzen feierten, herrscht jetzt Stille. Die WM 2018 hat das Ende einer lieb gewonnenen Tradition eingeläutet – und die kommenden Turniere werden es vermutlich nicht besser machen.
Das ende einer ära?
Vor 20 Jahren war das Public Viewing in Deutschland ein Phänomen. Die WM 2006 hatte alles verändert. Die ganze Nation feierte gemeinsam, getragen von der Euphorie und dem Gefühl, Teil einer historischen Mission zu sein. Erinnern Sie sich an die ‘11Freunde’-Quartiere, an die spontanen Partys in Hinterhöfen, an das Gefühl der Zusammengehörigkeit? Das war mehr als nur Fußball – es war ein gesellschaftliches Ereignis.
Doch seitdem hat sich alles verschoben. Smartphones, soziale Medien, die zunehmende Individualisierung – sie haben die gemeinsame Erfahrung verändert. Die Leute schauen sich Spiele jetzt lieber zu Hause, in Ruhe, ohne die Hektik und den Lärm der Großbildschirme.

Die zahlen sprechen die wahrheit
Eine Studie der Uni Hohenheim zeigt erschreckend deutlich: Nur ein Drittel der Bevölkerung hat Lust auf Public Viewing. Die Gründe sind vielfältig: Die Kosten, die Lärmbelästigung, die fehlende Atmosphäre, die Tatsache, dass man sich in der Masse verloren fühlt. Ein weiterer Faktor ist die späte Anstoßzeiten bei vielen Spielen in Deutschland, was viele Fans dazu bringt, lieber zu Hause zu bleiben.

‘11Freunde’ trotzt dem trend
Doch es gibt Ausnahmen. Das Fußballmagazin ‘11Freunde’ hat sich entschieden, den Traditionen treu zu bleiben. In Berlin betreibt das Team ein Quartier im Herzen der Stadt, das seit 2006 ein beliebter Treffpunkt für Fußballfans ist. ‘Es ist ein Gemeinschaftsgefühl, das sich nicht in Geld messen lässt,’ erklärt Dirk Völler, der Event- und Marketingleiter von ‘11Freunde’. ‘Wir sind vielleicht das Public Viewing für Leute, die Public Viewing gar nicht so mögen.’
Ein rückblick auf die vergangenheit
Die Geburtsstunde des Public Viewing fiel 2002 in Japan und Südkorea, wo die Fans die WM auf den Straßen feierten. In Deutschland wurde die Tradition erst 2006 richtig populär. Die WM 2018 war der letzte Glanzpunkt – und der Beginn des Niedergangs. Die Stimmung war zwar gut, aber die Besucherzahlen waren im Vergleich zu 2006 deutlich geringer. Die Spieler waren nicht so gut und es fehlte die entsprechende Euphorie. Es war ein Gefühl, dass die Gesellschaft sich auf eine Art nochmal neu selbst kennengelernt hat, wie wir es von uns gar nicht kannten. Und dafür stand diese Straße und das, was hier damals erfunden wurde.

Fazit: eine tradition im sterben?
Die Zukunft des Public Viewing ist ungewiss. Die Trends zeigen, dass die Leute lieber zu Hause schauen. Doch die Sehnsucht nach Gemeinschaft, nach einem gemeinsamen Erlebnis, ist nach wie vor vorhanden. Es bleibt abzuwarten, ob und wie die Tradition in Zukunft überleben kann. Es ist ein trauriges Ende für einen Teil der deutschen Fußballkultur – ein Zeichen, dass sich die Gesellschaft verändert hat. Die Zeiten ändern sich, und mit ihnen auch unsere Traditionen.